|
Nordsee
|
|
|
"Gott bewohre Damm un Dieken, Siel un Bullwark un derglieken. Dorto unse Land un Good un een eerlik Wurster Blood."
Dieser alte Trinkspruch symbolisiert eine lebensbestimmende Notwendigkeit für die Menschen an der Küste: der Deichbau als Schutz gegen die großen Sturmfluten der Nordsee. Jahrhundertelang haben die Marschenbewohner in Bedrohung und Angst gelebt. In der "Zweiten Weihnachtsflut" 1717 fanden über zehntausend Menschen und neunzigtausend Stück Vieh den Tod in den Fluten an der niedersächsischen Küstenregion. Über viertausend Häuser wurden weggespült, weitere dreitausend beschädigt. Aber getreu dem alten, oft gebrauchten Sprichwort "De nich will dieken, mut wieken" fanden die Küstenbewohner immer wieder Kraft und Mut, den Naturgewalten zu trotzen und die angerichteten Zerstörungen zu beseitigen. In der heutigen Zeit ist es mit den Mitteln moderner Technik gelungen, das Land fast hundertprozentig sturmflutsicher zu machen. Sperrwerke sichern die Mündungen der Nebenflüsse und schützen so das Hinterland vor Überflutungen. Kanäle und große Pumpwerke halten den Wasserstand in den tiefer gelegenen Regionen auf niedrigem Niveau.
Die Salzwiesen - Lebensraum einer besonderen Pflanzen- und Tierwelt im Außendeichgelände Es gibt nur wenige Lebensräume in Mitteleuropa, in denen sich ohne menschliches Zutun wiesenartige, baumfreie Biotope entwickeln konnten. An der offenen, gezeiten- und sturmflutgeprägten Nordseeküste sind in vorderster Frontlinie wohl nie Wälder gewachsen - der Salzgehalt des Bodens, die Überstauungen bei und nach hohen Fluten und vor allem auch winterliche Eisbildung und Eisgang sowie der salzträchtige Wind haben das Entstehen von Wäldern verhindert. In den Salzwiesen an der Wurster Küste finden sich im naturnahen Zustand somit lediglich Zwergsträucher wie Meerstrandwermut oder Keilmelde, vereinzelt auch der dornige Hauhechel. Salzwiesen sind dem Meerwasser regelmäßig bis unregelmäßig ausgesetzte Stauden-, Zwergstrauch- und Grasfluren, begleitet und durchsetzt von Röhrichten. Sie sind häufig vom Menschen in die Nutzung genommen worden, oft auch durch zielstrebige Landgewinnung vermehrt und für die Nutzung besonders entwickelt worden (entwässert und aufgehöht). Herkömmlich ist eine Nutzung als Weideland oder auch als Mähwiese. In jüngerer Zeit griff auch die intensivere Form der Grünlandnutzung hier Raum: Die Beweidung wurde intensiviert, verbunden mit Dünger- und auch Schädlingsbekämpfungsmitteleinsatz sowie auch der Einführung von Portionsweide für Milchvieh. Ebenso wie sich die eigentlichen, täglich zweimal überfluteten Wattflächen je nach Entfernung zur Küste und besonders nach ihrer Höhenlage in verschiedene Zone untergliedern lassen, findet man auch bei den Salzwiesen eine deutliche, höhenabhängige Zonierung. Die Höhenlage spielt für die Pflanzenwelt und auch für die begleitende Fauna eine außerordentliche Rolle - sind dadurch doch Bodenverhältnisse und vor allem Überflutungshäufigkeit und Salzeinfluß bestimmt.
Etwa 0 bis 35 cm oberhalb der mittleren Hochwasserlinie tauchen mehrere Pflanzenarten auf. Sie müssen nicht mehr das tägliche Überfluten ertragen und werden durch Regengüsse an ihren oberirdischen Trieben immer wieder vom Salz befreit. In diesem unteren Bereich der Salzwiese herrscht bei Beweidung vor allem das flächenhaft wachsende, wertvolle Andelgras (Puccinellia maritima) vor. Der Futterwert der Pflanze ist beträchtlich. Die untere Salzwiesenzone wird daher auch Andelzone genannt. Auch andere Pflanzen können sich flächenhaft entfalten: Keilmelde (Halimione portulacoides) als über 50 cm aufwachsende Zwergstrauch-Formation, Strandflieder und Widerstoß (Limonium vulgare und Statice limonium), die bis 1,50 m hohe, blaublühende Strandaster (Aster tripolium). Häufige Begleitpflanzen sind hier im Übergangsbereich noch das englische Löffelkraut, die Strand-Sode, die flügelsamige Schuppenmiere, der Meerstranddreizack, das Strandmilchkraut und der Strandwegerich. Eine naturnah erhaltende untere Salzwiese wird 150 bis 250 mal im Jahr überflutet, regelmäßig bei Springtieden.
Etwa 35 cm oberhalb der mittleren Hochwasserlinie beginnt die nur noch unregelmäßig überflutete obere Salzwiesenzone. Sie wird in der Regel landwirtschaftlich genutzt. Man findet vor allem Rotschwingel-Wiesen mit dem Rotschwingel-Rispengras (Festuca rubra). An nassen Stellen gedeiht die kleine Botten- oder Salzbinse. Fehlt die landwirtschaftliche Nutzung, so behaupten sich in den oberen Salzwiesen auch viele andere Pflanzen: Meerstrandwermut, Strandflieder, verschiedene Quecken und die rosablühende Strandnelke. Die höher gelegenen Bereiche der Salzwiesen werden oft durch Sommerdeiche vor leichten Sturmfluten geschützt, so daß nur noch sehr selten Salzwassereinstau vorkommt (in manchen Jahren gar nicht, im Mittel 1-2 mal im Winter). Hier gedeihen häufig viele Pflanzen des Binnenlandes, die den Salzwiesencharakter kaschieren.
Insgesamt werden in den Nordsee-Salzwiesen etwa 55 typische höhere Pflanzenarten gefunden, die an die vom Meerwasser geprägten Verhältnisse angepaßt sind (Salzpflanzen oder Halophyten). Die meisten sind an Salzbiotope gebunden - bei Aussüßung ihres Lebensraumes etwa nach Eindeichung sind sie dem Konkurrenzdruck der binnenländischen Flora nicht gewachsen. Auffällig sind auch die vielen verschiedenen Vogelarten, die in den Salzwiesen brüten, ihre Jungen ausführen, Nahrung suchen oder rasten. Bei hohen Fluten suchen auch die meisten Vögel des Watts in den oberen Salzwiesen Schutz. Die Pflanzenproduktion des Wattengebietes ist in den Salzwiesen am höchsten, es ist das produktivste natürliche Ökosystem der Welt überhaupt. So können auf einer Fläche von 1 qm bis zu 2 kg pflanzliche Trockenmasse erzeugt werden (200 dz oder 20 t pro ha). Die Pflanzenmasse als Nahrungsgrundlage der Tiere wird ergänzt um das, was aus Watt und Nordsee über Priele und Rinnen eingetragen wird. Eine riesige Schar von Kleintieren ist dauernd damit beschäftigt, diese hohe Pflanzenproduktion zu verwerten, umzusetzen und abbauen zu helfen. Insgesamt leben 1.500 bis 2.000 verschiedene Makrofauna-Arten (Tiere von mehr als 1 mm Körperlänge) in den Salzwiesen. Die Hälfte davon ist nur hier zu finden und somit auf die ökologische Vielfalt der Wiesen angewiesen. Über 400 Arten, vor allem Insekten, fressen direkt an den Blütenpflanzen, weitere 500 verwerten Reste von Pflanzen. Diese Pflanzenverwerter regulieren gleichzeitig die Pflanzenfresser. Käfer und Spinnen (15 Arten) sowie Schlupfwespen (10 Arten) wiederum begrenzen die Pflanzenverwerter. Und letztlich greifen auch noch 25 insektenfressende Vogelarten regulierend in dieses Nahrungsgefüge ein. An der Wurster Küste werden die Salzwiesen meistens "Außendeich" genannt. Besonders auffällig ist der starke Salzgehaltsgradient, dem die Wurster Salzwiesen ausgesetzt sind. Im Süden sind nur 14 Promille Salzgehalt, im Norden über 25 Promille, fast wie beim Nordseewasser der Deutschen Bucht. Eike Rachor, Die Salzwiesen - Lebensraum einer besonderen Pflanzen- und Tierwelt im Außendeichgelände, in: Land Wursten - Bilder aus der Geschichte einer Marsch, Bremerhaven 1988, gekürzte Fassung.
|
|
|