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Hier sind in loser Folge einige Texte verschiedener Autoren zur Geschichte Padingbüttels wiedergegeben.

Padingbüttel - Kurz notiert ...

 

Noch vor rund 2000 Jahren war das heutige Gebiet um Padingbüttel Wattenwildnis, von der der römische Schriftsteller Plinius d. Ä. (24-79 n. Chr.) behauptet hat: "Ein ewiger Streitgegenstand der Natur, denn es bleibt zweifelhaft, ob das Gebiet zum Lande gehört oder zum Meere".

Die ersten Wurten (künstlich aufgeworfene Erdhügel) wurden in Padingbüttel vermutlich zwischen dem 1. vorchristlichen und dem 5. nachchristlichen Jahrhundert während der Phase der ersten Landnahme durch wagemutige Sachsen errichtet. Diese wollten den Kampf mit dem Wasser aufnehmen.

Nachrückende Friesen begannen während der zweiten Phase der Landnahme vom 6. Jahrhundert an Siedlungen zu bauen. Es entstanden im ganzen Land Wursten auf diese Weise 513 Wurten, auf denen man hoch und trocken "sitzen" konnte: "Terra Wortsaciae" stand für "Land der Wurtensitzer".

Zu den ersten Siedlungsgeschlechtern gehörten die Padinge. "Büttel" ist entstanden aus "bodal", "bodlos" und schließlich aus "gributli", was Haus, Gebäude oder auch Siedlung bedeutet. Somit leitet sich Padingbüttel also aus Gebäudesiedlung der Padinge ab.

In Padingbüttel gibt es 50 Wurten, die zum Teil auch heute noch bewohnt werden. Später wurden um die Siedlungen dann Privatdeiche gebaut, die gleichzeitig Vieh und Land der einzelnen Besitzer mit schützen sollten.

Der erste durchgehende Deich am Oberstrich, etwa heutige Strichstraße, wurde wahrscheinlich um 1200 gebaut. Etwa 200 Jahre später wurde ihm der teilweise nur wenige hundert Meter entfernte heutige Altendeich vorgelagert. Dieser jedoch hielt den schweren Sturmfluten jener Zeiten nicht stand und brach im Jahre 1634 an vielen Stellen. Die zahlreichen Wehle, in Padingbüttel allein fünf, zeugen noch heute davon.

Der damalige Sommerdeich wurde nun zum festen Seedeich ausgebaut. Der heutige Seedeich basiert somit auf dem alten Profil des Sommerdeiches von 1636.

Unbekannter Autor, entnommen aus "Padingbüttel 1903-1978 - 75 Jahre Freiwillige Feuerwehr", 1978  

 Vom Adlerwappen der Wurster

 

Als Kaiser Friedrich Barbarossa I. (1152-1190) zu seinem ersten Italienzug rüstete, stieß eine Schar junger Friesen, darunter auch solche aus dem Lande Wursten, zu ihm. Die jungen Krieger von der Wasserkante baten den Kaiser mit ihm und seinem Herrbann ziehen und kämpfen zu dürfen. Die jungen Friesen schlugen sich schon in den ersten Kämpfen so hervorragend, dass ihr Herr sie zu seiner Leibwache machte.

Nachdem der Kaiser mit seinem siegreichen Heer in die Ewige Stadt eingezogen war, brach eine Verschwörung der Römer gegen ihn aus. Indes wurde der Anschlag auf sein Leben rechtzeitig entdeckt. Der Leibwache gelang es, den Aufstand unter dem Befehl Heinrichs des Löwen in kurzem, blutigem Kampfe niederzuschlagen.

Bei untergehender Sonne hatten sich die Friesen am Tiberufer um ihren Kaiser versammelt. "Ihr habt euch wacker geschlagen!" rief der Rotbart ihnen zu. "Eure Tat verdient hohen Lohn. Kniet nieder, dass Euch mein Schwert zu Rittern schlage!" Die Friesen zögerten. Stolz und aufrecht blieben sie vor ihrem Heerführer stehen. Dann trat einer von ihnen, der ihr Wortführer war, vor und sprach: "Wollet uns nicht verargen, kaiserliche Majestät, wenn wir nicht tun, wie uns geheißen. Aber es bedeutet uns keine Ehre, zu Rittern geschlagen zu werden. Längst sind wir von unseren Voreltern her freie Männer auf freier Scholle, ebenbürtig und gleich jedem Ritter und Knappen. Unsere Vorfahren selbst haben den Boden, auf dem unsere Wiegen gestanden, geschaffen und gegen Meer und Menschen zu verteidigen gewusst. Nie haben wir vor einem andern Herrn unser Haupt gebeugt als allein vor Eurer kaiserlichen Majestät!"

Solch freies und aufrechtes Wort freute den Rotbart. "Wohl wackere Männer, eure Gründe weiß ich zu achten", gab er zurück, "aber ganz ohne Lohn entlass ich euch nicht. Zu stetem Gedächtnis an diesen Tag sollt ihr hinfort in euren Wappen des Reiches Adler führen."

Aus "Die Sagen des Landes Wursten", entnommen aus "Padingbüttel 1903-1978 - 75 Jahre Freiwillige Feuerwehr", 1978

Die Viertelversammlung in Padingbüttel -

 Altüberlieferte Einrichtung der Selbstverwaltung

 

Das Kirchspiel Padingbüttel hat drei Viertel, das Ober-, Süder- und Norderviertel.

Zum Oberviertel gehören der Ortsteil bei der Kirche, der Ortsteil Rotthausen, der Hof Belitzen und der Hof an der Brücke (v. d. Osten). Das Süder- und Norderviertel umfassen die Häuserreihen im Ober- und Niederstrich und am Altendeich. Die Grenzscheide zwischen ihnen bildet die alte Wasserlöse. 

Die Viertel sind aus der Bauernschaft entstanden, besaßen früher Rechte und hatten so ihre Bedeutung. Die Aufgaben hat nach und nach die Gemeinde als politische Einheit übernommen.

Am 16. März 1594 wurde die erste Satzung für die drei Viertel beschlossen und in niederdeutscher Sprache (Plattdeutsch) verfasst. Nach Verlauf von mehr als einem Jahrhundert waren die Satzungen von 1594 beinahe unleserlich geworden. Das Hochdeutsch hatte sich als Schriftsprache durchgesetzt. Die Viertelvorsteher drängten deshalb auf Neufassung und richterliche Bestätigung der alten Viertelregeln.

Dies geschah im Jahr 1715 für die Norder- und Süderviertel und im Jahr 1730 für das Oberviertel.

Ihre Aufgaben betrafen ehedem die Reinigung der Wasserläufe, die Herstellung und Instandhaltung der Wege, Brücken, Stege, Fußpfade und Durchlässe (Pumpen). Feuerpolizeilich achteten die Viertelvorsteher darauf, daß bei jedem Hause Feuerhaken, Löscheimer und Sturmlaternen vorhanden waren und die Öfen eiserne Türen hatten. Strafbar machte sich auch, wer Asche in der Nähe der Häuser schüttete.

Durch "Betteljagden", die vom Vogt angeordnet wurden, suchte man sich vor Dieben und Bettlern zu schützen. Im Einwohnermeldewesen bestand die Vorschrift, dass jeder Zuziehende einen Schein seiner bisherigen Dorfgemeinschaft beizubringen hatte, damit man sich überzeugen konnte, ob er sich ehrlich gehalten hatte und mit Ehren weggezogen war. Nur mit Wissen und Willen des Viertels durfte jemand Fremde als Pächter oder Mieter aufnehmen. Falls Neulinge Schaden anrichteten, haftete derjenige dem Viertel gegenüber, der sie aufgenommen hatte.

Wer den Laufzettel wegen einer Viertelversammlung nicht weiterverschickte, verfiel einer Buße, ebenso derjenige, der in der Versammlung die Ruhe störte, nachdem er vom Viertelvorsteher ermahnt worden war. Zugezogene hatten dem Viertel eine Tonne Bier, einen Schinken und zwei Brote als Eintritt zu entrichten.

Wenn auch heute die Viertel ohne Bedeutung sind, so sollte es eine Ehrenpflicht der Lebenden sein, sie als wahre demokratische Einrichtungen der Vorfahren beizubehalten.

Ernst Schwanewedel, Januar 2000, gekürzte Fassung  

Bekannte Persönlichkeiten aus Padingbüttel

 

Tjede Peckes (1500-1517), Fahnenträgerin der Wurster in der Schlacht am Wremer Tief gegen den Erzbischof von Bremen. Geboren in Padingbüttel-Oberstrich, gefallen am 23. Dezember 1517.

An sie erinnert eine Gedenktafel an der Wremer Strandhalle: "Hier fielen am 23.12.1517 in der Schlacht am alten Wremer Tief im Kampfe gegen die Übermacht des Erzbischofs Christopher von Bremen 800 friesische Männer und Frauen, an ihrer Spitze die Fahnenjungfrau Tjede Peckes aus Padingbüttel, für des Landes Freiheit."

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Johann od. Hans Abels, geboren um 1570, Geusenkapitän und Vizeadmiral bei Wilhelm v. Oranien.

Er machte sich einen Namen in den Befreiungskämpfen der Niederländer gegen Spanien unter Wilhelm v. Oranien. Beschrieben wird er als wild und trunkfest.

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Eggerich Johan Lübbes (18. August 1599 - 24. August 1661), Vogt von Padingbüttel, später Kommandant von Kopenhagen.

Der Generalmajor zeichnete sich durch die Verteidigung von Bremervörde in den Kriegen gegen Schweden aus. 

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Vincent Lübeck (September 1654 in Padingbüttel - 09. Februar 1740 in Hamburg), einer der berühmtesten Organisten der Barockzeit und Wegbereiter von Johann Sebastian Bach. 

Vincent Lübeck komponierte Kantaten sowie Orgel- und Cembalowerke. Er wuchs auf dem Grundstück des ehemaligen Pfarrhauses in Padingbüttel auf. Ein Stader Gymnasium ist nach ihm benannt.

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Eibe Siade Johanns (1659-1720), Kurfürstlicher Hannoveranischer Oberdeichgraf für das Weser- und Allergebiet.

Der Wurster "Schimmelreiter" war eine herausragende Persönlichkeit. Die Katastrophe von 1717 hätte sich noch weit stärker ausgewirkt, wenn Johanns nicht vorweg einzelne Deichstrecken hätte sichern lassen. Während und nach der Katastrophe hat er einen geradezu heroischen Einsatz geleistet.

Mit seinem Fuchs ritt er von Deich zu Deich und scheute weder Wind noch Wetter. Er war ein umsichtiger Techniker, ein hervorragender und hilfsbereiter Organisator und darüber hinaus ein geschickter Diplomat.

Nach 1719 blieb der nun Sechzigjährige auf seinem Hof in Padingbüttel, den er selbst bewirtschaftete. Er war weiterhin unermüdlich in der Aufsicht und Fürsorge für die Deiche der Marschen an der Weser und der Aller. Am 30. Januar 1720 wurde er zur letzten Ruhe auf dem Kirchhof von Padingbüttel bestattet. Er war einer der großen Gestalten der Nordseemarschen in ihrem ewigen Kampf mit der Naturgewalt des Meeres.

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Johann Gerhard Allers, der Ältere (08. September 1776 - 15. Januar 1851), Begründer des Wurster Armenarbeiterhauses "Allersstiftung". Geboren in Padingbüttel-Altendeich.

Verkaufte 1848 seinen Hof für 40.000 Taler und stellte das Geld seiner Stiftung zur Verfügung. Das Geld reichte gerade für die Bauvorhaben.

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Johann Gerhard Allers, der Jüngere (31. Januar 1805 - 24. November 1869), Begründer der Wurster "Tagelöhnerstiftung". Geboren in Padingbüttel-Altendeich.

Stiftete seine Erbe für die Tagelöhnerstiftung am 02. Oktober 1854. Die eigentliche Gründung erfolgte jedoch erst 1870 mit einem Grundkapital von 35.000 Talern. Zu Weihnachten wurde den berechtigten Tagelöhnern ca. 200 Taler ausbezahlt.

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Bernhard von Langenbeck (09. November 1810 in Padingbüttel - 29. September1887 in Wiesbaden), preußischer Adel, Dr. med., Universitätsprofessor in Berlin, Leibarzt Kaiser Wilhelms I.

Der Chirurg von Langenbeck förderte die konservative und plastische Chirurgie und war Begründer der Deutschen Chirurgischen Gesellschaft (1872).

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Erich Eibe von Lehe (09. August 1853- 20. Oktober 1943),  Königlich Preußischer Ökonomierat, später Ehrenvorsitzender des Heimatbundes "Männer vom Morgenstern".

Hofbesitzer in Padingbüttel-Strich. Sein Verdienst ist die Gründung der Dorumer Landwirtschaftsschule im Herbst 1919 (Schulbetrieb bis zum Jahrgang 1963/64). Verfasser mehrerer Bücher über die Geschichte des Landes Wursten.

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Alfred Straßburger (1922-1987), Maler, Zeichner, Graphiker und Pädagoge.

Unterrichtete ab 1962 an der Dorumer Realschule Bildende Kunst und Werken. Organisierte die jährlichen Dorumer Kunstschauen mit zahlreichen Originalwerken von Kollegen aus den Künstlerverbänden oder von talentierten Laienmalern. Seit 1967 bewohnte er mit seiner Familie das ehemalige Pfarrhaus in Padingbüttel.

Links: Wolken IV (und Novembersonne), 1966, Öl auf Leinwand, 65x80 cm; Rechts: Krabbenkutter, 1979 

 

Unbekannter Autor, entnommen aus "Padingbüttel 1903-1978 - 75 Jahre Freiwillige Feuerwehr", 1978

Heinrich Eberhardt-Bosenbüttel (Hrsg.), Das Land Wursten, 700 Jahre im Lichte der Geschichte, Bremerhaven 1939

Dircksen, Jens u. Dircksen, Claudia, Land Wursten - Bilder aus der Geschichte einer Marsch, Bremerhaven 1988

Dircksen, Rolf, Am Meer und hinter dem Deich - Das Land Wursten, Hamburg 1981

Die St. Matthäus-Kirche zu Padingbüttel, Kirchenführer, Kirchengemeinde Padingbüttel, Dorum 2000

Hof Icken, Padingbüttel-Altendeich in den Jahren 1910, -60, -88

 

Theo Icken schrieb die beiden ersten Abschnitte für die Jahre 1910 und 1960 als 16jähriger Schüler 1961. Den letzte Abschnitt für das Jahr 1988 schrieb er als verantwortlicher 44jähriger Betriebsleiter.

 

Unser Hof um 1910

Zu der Zeit damals gehörten zu unserem Hof etwa 45 ha Land. Mein Großvater hatte meistens noch einige Hektar zugepachtet. Zwei Drittel waren Ackerland, ein Drittel Weideland. Ein mittelgroßer Marschhof umfasste in damaliger Zeit vierzig bis fünfzig Hektar Land. Die natürliche Fruchtbarkeit der Marsch lieferte für damalige Verhältnisse hohe Erträge. Die Fruchtfolge wurde genau innegehalten: 1. Brache, 2. Raps, 3. Winterweizen, 4. Sommergerste (gedüngt), 5. Roggen, 6. Bohnen, 7. Winterweizen, 8. Hafer.

Der Boden musste wegen seiner Schwere und der zur damaligen Zeit noch nicht so guten Entwässerung gründlich bearbeitet werden. Dies geschah durch zwei- bis dreimaliges Pflügen und durch mehrmaliges Eggen. Das Eggen ersetzte die heutige chemische Unkrautbekämpfung. Kunstdünger gab es damals fast noch gar nicht, so dass die Bauern keine so hohen Erträge wie heute erzielen konnten.

Die Herbstbestellung musste Ende Oktober abgeschlossen sein. Diese schwierige Bearbeitung erforderte zahlreiche geübte Kräfte. Auf unserem Hof waren ständig angestellt: 1. Zwei Arbeitsleute, die meistens in Deputantswohnungen, d.h. nicht auf dem Hof lebten und auch zuhause aßen, 2. ein Großknecht und ein Kleinknecht sowie 3. zwei bis drei junge Mädchen. Dem Großknecht hatten die anderen Leute zu gehorchen. Mit ihm besprach der Bauer die Tagesarbeit. Er selbst arbeitet gewöhnlich nicht mit. Die Arbeitsleute übernahmen das Kornmähen mit der Sichel, das Ausdreschen mit dem Flegel und das Kleigraben und Schottwerfen. Diese Arbeitsleute schickten ihre Söhne wieder auf den Hof, denn so war es Tradition. Der Lohn war genau festgelegt und den damaligen Preisen angepasst. Er bestand zum größten Teil aus Naturalien. Der Jahreslohn eines Knechts entsprach etwa dem Wert einer guten Kuh (ca. DM 450,--).

Die Bauersfrau hatte mit ihren Mädchen das Melken und Buttern zu verrichten. Neben der Haus- und Gartenarbeit mußten auch noch Hühner, Gänse und Enten versorgt werden. Sie lieferten zu den Festtagen, besonders im Sommer, das einzige frische Fleisch.

Der Tag begann morgens um fünf Uhr und endete abends um achtzehn Uhr. Die Mädchen handarbeiteten und spannen die Wolle an den langen Winterabenden; die Männer flochten Körbe oder schnitzten Forken- und Schaufelstiele. Während der Herbstbestellung begann der Tag um zwei Uhr morgens. Es gab drei "Schufftiden". Die erste währte von zwei bis sieben Uhr, die zweite von acht bis zwölf und die letzte von dreizehn bis achtzehn Uhr.

Im Winter hatte mein Großvater etwa sechs Kühe, zehn Ochsen, zehn bis fünfzehn Pferde und einige Kälber aufgestellt. Die ältesten Ochsen waren dreieinhalb Jahre alt und wogen zwölf bis fünfzehn Zentner. Außerdem hielt er zehn bis zwölf Sauen und mästete 100 bis 150 Mastschweine im Jahr.

1921 begannen die Arbeiten für die Elektrifizierung der Orte im Lande Wursten. 1922 wurde das Ortsnetz angeschlossen. Waren vorher auf dem gesamten Betrieb 3 Stalllaternen, konnte man jetzt 65 Brennstellen anschalten und hatte zusätzlich den Kraftstromanschluss für Dreschmaschine, Mühle und Kreissäge.

Die Abwanderung von immer mehr Landarbeitern in die Städte verursachte einen Arbeitskräftemangel. Die Bahnverbindung zwischen Bremerhaven und Cuxhaven begünstigte diese Entwicklung noch. Um dem Arbeitermangel abzuhelfen, wandelte man Ackerland in Weide um und kaufte Maschinen, die die Arbeit rascher erledigten. Damit wurden schon damals die ersten Weichen für eine Betriebsvereinfachung, die heutige Spezialisierung, gestellt.

 

Unser Hof um 1960

Unser Hof ist rund fünfzig Hektar groß. Die Nutzung der Ländereien gliedert sich in:  

 32,2 ha Weiden
 12,9 ha Ackerländereien
   2,6 ha Gräben
   1,5 ha Hoffläche und Privatweg
   1,0 ha Wiesen
   0,4 ha Nutz- und Ziergarten

Das ergibt eine gesamte Nutzfläche von 50,6 ha. Der größte Teil der Ländereien erstreckt sich zwischen dem alten und dem neuen Deich, dem sogenannten Neufeld. Das Land, das zwischen dem heutigen Seedeich und den Watten liegt, wird noch gemeinschaftlich genutzt. Im Sommer wird es gemäht, im Herbst grast dort das Vieh. Die Bauern, die im Herbst ihr Vieh zum Grasen bringen, müssen als Gegenleistung den Seedeich in Ordnung halten. Im Sommer wird das Land zum Mähen für Geld verpachtet. Das Gras das dort wächst, hat als Heu keinen besonderen Wert, wohl aber als Silofutter.

Hackfrüchte bauen wir von Jahr zu Jahr weniger an, weil das Reinhalten des Hackfruchtlandes viel Arbeit kostet. Arbeitskräfte kann man nicht bekommen. Im Jahre 1950 beschäftigten wir drei Knechte und zwei Mädchen. 1960 waren bei uns nur noch ein Knecht und zwei Mädchen angestellt. Die Bestellung der Felder sieht 1960/61 folgendermaßen aus:  

   3,1 ha Weizen
   2,2 ha Hafer
   2,2 ha Winter-Mengkorn
   3,2 ha Sommer-Mengkorn
   1,3 ha Bohnen
   0,9 ha Rüben
 12,9 ha Gesamtfläche Ackerländereien

Die Fruchtfolge spielt heute, genau wie vor fünfzig Jahren, im Gegensatz zu den riesigen Kornfeldern Nordamerikas und Argentiniens, eine große Rolle. Die Erträge unseres Ackerlandes liegen durchschnittlich bei fünfzig Zentnern pro Hektar. Das geerntete Korn wird nicht verkauft, sondern an das Vieh verfüttert. Wenn die Witterung es zulässt, wird möglichst schon im Herbst gesät, da das Winterkorn meistens mehr Ertrag bringt als das Sommerkorn. Nur Hafer und Bohnen werden im Frühjahr gesät. Das Land wird vorher zweimal gepflügt und im Frühling außerdem gegrubbert. Hiernach wird es einige Male geeggt. Wenn die Erdkruste fein genug ist, wird das Korn gedrillt. Später erfolgt das Eineggen des Kornes und das Kunstdüngersäen. 

Etwa Ende Juli ist das erste Getreide so weit, dass es gemäht werden kann. Mit einem Selbstbinder, der von vier Pferden gezogen wird, geschieht das ohne große Mühe. Viele Bauern dreschen ihr Korn gleich, bevor sie es in der Scheune verpacken, oder lassen es mit einem Mähdrescher ernten. Wir dreschen erst im Winter. Mein Vater meint, es ist besser, wenn das Korn erst in der Scheune lagert, bevor es gedroschen wird.

Unser Vieh: Rinder, Schweine und Pferde.

Das schwarzbunte Rind ist ein Zweinutzungsrind. Das bedeutet, dass es sowohl wegen sein Fleisch- als auch seiner Milchleistung gehalten wird. Die durchschnittliche Milchleistung der über 400.00 eingetragenen Herdbuchtiere des schwarzbunten Viehs liegt bei 4.000 kg. Damit stehen sie an der Spitze aller deutschen Rinderrassen. Wir haben im Winter etwa sechzig Rinder aufgestallt, unter ihnen 25 Kühe. Der Rest besteht aus Jungvieh, Färsen und Ochsen.

Mein Vater ist einer der wenigen Schweinezüchter in der Marsch. Auf unserem Hof wird schon lange Schweinezucht betrieben, im Durchschnitt haben wir sieben bis acht Zuchtsauen.

Zu unseren Pferden gehören vier ältere Stuten und drei Fohlen. Unter den Arbeitspferden befinden sich je zwei Warmblut- und Kaltblutstuten. Sie leisten als Wagen-, Reit- und Ackerpferde gute Dienste. Obwohl wir noch keinen Trecker besitzen, kommt es unseren Pferden auch zugute, dass die Technik sich so stark entwickelt hat. Güter wie Sand, Kunstdünger oder Heizmaterial lassen wir uns von Fuhrunternehmern bringen. Das Mistfahren, sonst eine der schwersten Arbeiten für die Pferde, wird heutzutage bei uns von Treckern und Düngestreuern eines Unternehmers erledigt.

Wenn wir auf der Geest einen Hof besitzen würden, hätten wir sicher einer Trecker. In der Marsch rentiert sich nach der Ansicht meines Vaters kein Trecker, da man neben ihm auch Pferde besitzen muss. In der Marsch kann man mit einem Trecker im Herbst und im Frühjahr oft nicht das Ackerland bearbeiten, weil es zu nass ist. Mit Pferden ist die Bearbeitung dann aber noch möglich.

 

Unser landwirtschaftlicher Betrieb 1988

Durch Erbe und Zupachtung hat sich die landwirtschaftliche Nutzfläche  wesentlich vergrößert. 

    31,1 ha Acker (Eigentum)
    44,7 ha Grünland (Eigentum)
    24,1 ha Acker (Pacht)
    27,1 ha Grünland (Pacht)
      0,4 ha Hausgarten
 127,4 ha Landwirtschaftliche Nutzfläche
     1,0 ha Ödland
      4,4 ha Hoffläche und Wege
 132,8 ha Gesamtfläche

Das Wachsen des Betriebes liegt im augenblicklichen Trend, da jeder Landwirt versucht, die sinkenden Einnahmen je Produktionseinheit durch Ausweitung der Betriebszweige auszugleichen. Kleinere Betriebe, die keinen Hofnachfolger mehr finden, werden von diesen Betrieben übernommen. Die Durchschnittsgröße des zukunftsorientierten Wurster Vollerwerbsbetriebes liegt 1988 um 50 ha.

Der Hauptbetriebszweig ist noch, genau wie vor 27 Jahren, die Milchviehhaltung. Schweinezucht und Rindermast sind aufgegeben worden, der Ackerbau wurde ausgeweitet und die Pferdezucht als kostendeckendes Hobby beibehalten. 110 Kühen grasen im Sommer Tag und Nacht auf den hofnahen Weiden. Sie werden zweimal täglich an den Melkstand getrieben.

In den letzten 10 Jahren wurden 50 ha unseres Grünlandes im Zuge von überbetrieblichen Entwässerungsmaßnahmen drainiert, so dass nur noch 20 ha eine Oberflächenentwässerung haben. Hier fehlt noch die notwendige Vorflut. Parallellaufend mit Meliorationsarbeiten wurden etwa 30 ha Grünland nach und nach neu angesät, um bessere Erträge zu haben. Oft waren die alten Weiden durch Bewirtschaftungsfehler verqueckt und verunkrautet, so dass die leistungsstarken Gräser zurückgegangen waren. Durch die Neusaaten wurden die Erträge auf den Flächen stark gesteigert. Allerdings sind die Kosten für Neusaaten hoch. Hinzu kommt, dass die neuangesäten Flächen etwa für ein Vierteljahr dem Betrieb fehlen. Schwierigkeiten bereitet anschließend auch die fehlende Trittfestigkeit der Neuansaat, so dass diese Flächen in Nässeperioden nicht genutzt werden können. Deshalb ist man darauf angewiesen, neben diesen neuen Grasnarben alte Weiden mit hoher Trittfestigkeit und weniger Empfindlichkeit zu behalten.

Hofnahe Flächen werden in Form von "Intensiver Strandweide" bewirtschaftet, weiter entfernt liegende Grünlandflächen als "Umtriebsweiden". Auf der "Intensiven Strandweide" grasen die Tiere ständig, ohne umgetrieben zu werden, wie es in alten Zeiten üblich war. Im Gegensatz zu früher werden diese Flächen aber regelmäßig, alle fünf Wochen, gedüngt. Diese Haltungsform hat den Vorteil, daß die Tiere sehr viel ruhiger laufen, weil sich nicht ständig auf neueingeteiltes Gras warten. Zusätzlich wird durch das ständige Kurzbeißen der Narbe die Weide viel fester. Auch ist der Arbeitsaufwand beim Zäunen und Düngerstreuen geringer.

Im Frühjahr, zur Zeit des höchsten Grasaufwuchses, können etwas 7 bis 8 Kühe auf 1 ha gehalten werden, so dass 12 bis 15 ha Weidefläche für 110 Kühe reichen. Die nicht zum Grasen gebrauchten Flächen werden für den 1. Schnitt Silage genutzt (Mai/Juni). Etwa Ende Juni bis Anfang Juli werden nach dem 1. Schnitt noch 10 ha zum Grasen hinzugenommen. Ende Juli wird dann von den restlichen 15 ha noch der 2. Schnitt siliert, so dass ab September alle 40 ha den Kühen zur Verfügung stehen.

Die "Umtriebsweiden" werden von dem Jungvieh, den Pferden und trockenstehenden Kühen extensiver genutzt. Etwa alle 4 bis 6 Wochen trieben wir die Jungrinder, die in Gruppen bis zu 20 Tieren gehalten werden, um. Dann folgt die Nachdüngung der Koppeln.

Da die 70 ha Grünland nicht ausreichen, um das Vieh das Jahr über zu versorgen, werden von den 55 ha Ackerland noch etwa 20 ha als Futterfläche genutzt. Es werden jährlich ca. 15 ha Welsches Weidelgras und 5 ha Silomais angebaut. Beide Futterarten haben einen hohen Futterwert und bringen bei intensiver Nutzung sehr hohe Erträge (6.000 kg Stärkeeinheiten/ha). Das Ackergras wird viermal geschnitten und liefert eine gute Silage. Der Maisanbau ist in der Marsch wegen des schweren Bodens sehr risikoreich. Der Boden erwärmt sich im Frühjahr zu spät, während er im Herbst, bei nasser Witterung, kaum zu befahren ist. Somit hat der Mais bei uns eine sehr kurze Vegetationszeit. Allein die Tatsache, dass die Maissilage für eine ausgeglichene und gesunde Winterfutterration für Milchkühe notwendig ist, rechtfertigt den Maisanbau bei uns.

Das Welsche Weidelgras ist eine gute Vorfrucht für den Winterweizen, die sicherste und ertragreichste Getreideart in der Marsch. Deshalb wird von den verbleibenden 35 ha Ackerland der größte Teil für den Winterweizenanbau genutzt. Die Fruchtfolge ist: 15 ha Welsches Weidelgras, 15 ha Winterweizen, 10 ha Raps, 10 ha Winterweizen. Der Mais, der mit sich selbst gut verträglich ist, steht nicht mit in der Fruchtfolge. Im Gegensatz zu früheren Zeiten wird die Fruchtfolge nur lose eingehalten. Besonders in den letzten Jahren lockerten Grünlandumbrüche die Fruchtfolge auf.

Neben den Rindern halten wir als Hobby, und weil es im Land Wursten Tradition ist, einige Pferde. Im Augenblick besitzen wir zwei Hannoversche Staatsprämienstuten. Das sind Hauptstutbuchstuten, die auf Stutenschauen besonders positiv aufgefallen sind. In unseren Ställen stehen drei junge Pferde, die eingeritten und dann als Reitpferde verkauft werden.

Theo Icken, Hof Icken, Padingbüttel-Altendeich in den Jahren 1910-1960-1988, in: Land Wursten - Bilder aus der Geschichte einer Marsch, Bremerhaven 1988, stark gekürzte Fassung.

                            

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